Von der Digitalstrategie zum öffentlichen Vertrauen: Lehren aus Wien zur Value-based Engineering

Der Value-based Engineering (VBE) Workshop mit der Stadt Wien widmete sich der ethischen Gestaltung der Plattform „Mein Wien“.
Er unterstützt die Digitale Agenda 2030 der Stadt, die auf eine faire, transparente und nachhaltige digitale Verwaltung abzielt. Geleitet wurde der Workshop von Mario Tokarz und Soner Bargu.

Die digitale Transformation im öffentlichen Sektor schreitet mit hoher Geschwindigkeit voran. Städte und öffentliche Institutionen setzen zunehmend auf digitale Plattformen, datenbasierte Services und automatisierte Entscheidungshilfen, um Effizienz und Zugänglichkeit zu verbessern. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Fairness, Transparenz, Rechenschaftspflicht und Inklusion. Für Verantwortliche im öffentlichen Sektor ergibt sich daraus eine zentrale Herausforderung: Wie lassen sich öffentliche Dienstleistungen modernisieren, ohne Vertrauen und demokratische Legitimität zu gefährden?

Zwar formulieren viele öffentliche Organisationen klare ethische Leitbilder in Strategien und Policy-Dokumenten, doch die Überführung dieser Werte in konkrete Design- und Umsetzungsentscheidungen bleibt schwierig. Ethische Ansprüche bleiben häufig abstrakt, werden uneinheitlich über Abteilungen hinweg angewendet oder erst spät im Entwicklungsprozess berücksichtigt – genau dann, wenn Anpassungen teuer sind und die öffentliche Aufmerksamkeit bereits hoch ist. Dieser Beitrag zeigt, wie Value-based Engineering (VBE) helfen kann, diese Lücke zu schließen – anhand der Erfahrungen der Stadt Wien bei der Anwendung von VBE im Rahmen ihrer Digitalen Agenda 2030.

Die Herausforderung im öffentlichen Sektor: Werte in die Praxis übersetzen

Im Unterschied zur Privatwirtschaft sind öffentliche Institutionen nicht nur gegenüber Nutzer:innen verantwortlich, sondern gegenüber Bürger:innen, Aufsichtsbehörden, Gerichten und politischen Gremien. Digitale Systeme müssen daher langfristig Bestand haben und in unterschiedlichen Kontexten erklär- und überprüfbar sein. Fragen wie Wer ist betroffen?, Wie kommen Entscheidungen zustande? oder Wie können sie erklärt oder angefochten werden? sind keine theoretischen Überlegungen – sie sind operative Anforderungen an moderne Verwaltungssysteme.

Besonders sichtbar wird diese Herausforderung auf kommunaler Ebene. Digitale Plattformen steuern zunehmend den Zugang zu essenziellen Diensten. Fairer Zugang, der Schutz personenbezogener Daten und transparente Entscheidungsprozesse lassen sich jedoch nicht allein durch technische Funktionalität sicherstellen. Es braucht einen strukturierten Ansatz, um öffentliche Werte von Beginn an systematisch in die Gestaltung digitaler Systeme zu integrieren.

Wiens menschenzentrierte digitale Transformation

Die Stadt Wien bietet hierfür ein anschauliches Beispiel. Seit Jahren gilt Wien als Vorreiterin des Digitalen Humanismus und bekennt sich dazu, menschliche Werte, Rechte und Wohlbefinden ins Zentrum der digitalen Transformation zu stellen. Dieses Selbstverständnis ist in der Digitalen Agenda 2030 verankert, die ethische, inklusive und nachhaltige Digitalisierung ausdrücklich als staatliche Verantwortung definiert.

Statt Ethik als nachgelagerte Policy-Ebene zu behandeln, verfolgt Wien das Ziel, Werte wie Fairness, Transparenz, Zugänglichkeit und Nachhaltigkeit direkt in digitale Services zu übersetzen. Ein zentrales Beispiel dafür ist die Plattform Mein Wien, über die Bürger:innen auf eine Vielzahl von Dienstleistungen zugreifen können. Die Entwicklung einer solchen Plattform wirft Fragen auf, die viele Städte teilen:

  • Wie kann ein gleichberechtigter Zugang für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen gewährleistet werden?
  • Was bedeutet Transparenz, wenn Entscheidungen durch Algorithmen unterstützt werden?
  • Wie lassen sich langfristige soziale und ökologische Nachhaltigkeit systematisch mitdenken?

Value-based Engineering in der Praxis

Um diese Fragen strukturiert zu bearbeiten, arbeitete die Stadt Wien mit der VBE Academy zusammen und führte einen Value-based-Engineering-Workshop zur Plattform Mein Wien durch. VBE basiert auf dem internationalen Standard IEEE 7000 und bietet eine methodische Grundlage, um Stakeholder-Werte in konkrete Engineering- und Governance-Anforderungen zu überführen.

Im Workshop arbeiteten Vertreter:innen verschiedener Magistratsabteilungen gemeinsam an zentralen Schritten des VBE-Prozesses: der Identifikation relevanter Stakeholder, der Klärung öffentlicher Werte sowie der Zuordnung dieser Werte zu Designentscheidungen und organisatorischen Praktiken. Begleitet von erfahrenen VBE-Coaches wurde erarbeitet, wie abstrakte Prinzipien in Architektur, Benutzeroberflächen, Datenpraktiken und Governance-Strukturen operationalisiert werden können.

Der Workshop ermöglichte es den Teilnehmenden:

  • implizite öffentliche Werte sichtbar und organisationsweit anschlussfähig zu machen
  • Werte in konkrete Entscheidungs- und Designkriterien zu übersetzen
  • Zielkonflikte zwischen öffentlichen Interessen – etwa Transparenz und Datenschutz – systematisch zu adressieren
  • ethische Entscheidungen und Begründungen nachvollziehbar zu dokumentieren, um Rechenschaft und Vertrauen zu stärken

Besonders wichtig: Der Ansatz stärkte die institutionelle Handlungsfähigkeit. Statt punktueller Empfehlungen entstand ein wiederholbarer Prozess, der auch in anderen Projekten und Abteilungen eingesetzt werden kann.

Ein übertragbares Modell für den öffentlichen Sektor

Die Erfahrungen aus Wien verdeutlichen eine zentrale Erkenntnis für den öffentlichen Sektor: Verantwortungsvolle digitale Transformation gelingt nicht allein durch Leitbilder und Absichtserklärungen. Sie erfordert methodische Disziplin und Governance-Strukturen, die Werte by design verankern. Value-based Engineering bietet hierfür einen praxisnahen Ansatz, um die Kluft zwischen öffentlichen Werten und technischer Umsetzung zu schließen – und digitale Dienstleistungen zu entwickeln, die nicht nur effizient, sondern auch vertrauenswürdig, erklärbar und langfristig tragfähig sind.

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